HOME | RB Leipzig - Die Ausgeburt der Kommerzialisierung

RB Leipzig - Die Ausgeburt der Kommerzialisierung

Kaum eine Sportart bewegt so viele Menschen wie der Fußball. Die Palette reicht von Hobbykickern bis zu Profisportlern. Neben den Spielern gehören die Macher, Förderer und Fans dazu, die viel Zeit, Energie und/oder Geld für Ihren Verein einbringen. Zusammenfassend lässt sich festhalten: Fußball ist ein Sport für alle und kein Spielball der Industrie.


In Kürze ist es soweit und die launische Diva, Eintracht Frankfurt, spielt das erste Mal gegen das Werbeprodukt aus Leipzig. RB Leipzig ist der neuste Retortenclub in der Bundesliga, wobei es RB hinbekommt, sich von den bestehenden Retortenclubs abzugrenzen - negativ versteht sich.
„SGE, wir sind da, jedes Spiel, ist doch klar…“ Mit diesen Zeilen aus einem schon lange nicht mehr gesungenen Lied könnte man den Umgang der Frankfurter Fanszene mit der Causa Red Bull abhandeln. Damit ist dann auch die Katze aus dem Sack: Die Fans der Eintracht werden ins Zentralstadion fahren. Aber natürlich ist es so einfach nicht getan. Dafür sorgt die Diskussion um den richtigen Umgang mit RB Leipzig für viel zu viel Wirbel und ist das Thema auch einfach viel zu wichtig.

 


Die Gründe, warum sich die Frankfurter Fanszene entschieden hat, das Spiel zu besuchen, sind zum einen in einem gewissen Realismus zu finden. Denn ehrlich gesagt: Ein Boykott der Spiele bringt nichts. Die Konsumenten werden trotzdem hingehen, viele Eintracht-Fans aus den neuen Bundesländern freuen sich über eine kurze Fahrt, eine differenzierte mediale Auseinandersetzung mit den Motiven wird aller Voraussicht nach nicht stattfinden. Kurz: Das Produkt RB wird dadurch keinerlei Schaden nehmen. Nun kann man natürlich schon die vermeintlichen Puristen und Romantiker schreien hören: "Idealismus ist doch aber wichtiger als Realismus." Und das stimmt. Pure Vernunft darf niemals siegen. Aber vielleicht sollte man sich einfach mal fragen, wie viel Idealismus denn gerade von den RB-Boykottierern in anderen Lebensbereichen an den Tag gelegt wird. Schaut doch mal, wie viele von denen auf der nächsten Auswärtsfahrt zu McDonald’s rennen, ein Konto bei der Deutschen Bank unterhalten oder bei H&M einkaufen. Und wie viele sich beim nächsten Auswärtsspiel in Frankfurt Geld auf die Bezhalkarte laden. Um es mit einem großen Frankfurter Bub zu sagen: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Idealismus gegen RB in allen Ehren, er muss dann aber auch mit Leben gefüllt werden.

Damit wären wir beim zweiten Grund: Ist RB es überhaupt wert, boykottiert zu werden und dadurch weitere Aufmerksamkeit zu bekommen? Ist RB am Ende nicht einfach nur ein extrem widerwärtiges Symptom eines durch den Kapitalismus eh schon durch und durch kaputten Fußballs? Macht es nicht erst die seit Jahren im Fußball-Business voranschreitende Kommerzialisierung mit all ihren Begleiterscheinungen – hohe Ablösesummen, horrende Gehältern, abnormale Summen an Fernsehgeld, ausverkaufte Stadien, aber auch höhere Eintrittspreisen, Angriffe auf die Stehplätze und Repression gegen kritische Fanszenen – einem Dietrich Mateschitz schmackhaft, seinen Einstieg in das Game voranzutreiben? Ein Game, das schon so viele Player kaputt gemacht haben, bevor es in Salzburg mit dem RB-Fußball überhaupt losging?

Nun auf einmal in Red Bull allein das personifizierte Böse zu sehen, bei allem anderen aber artig zu klatschen – das wäre heuchlerisch. Und da wären wir wieder beim Idealismus. Eine fundierte Kritik muss das große Ganze im Auge behalten. Der Irrglaube, eine Verdrängung von Red Bull aus dem Fußball würde die Probleme als ungemütliche und mündige Fanszene lösen, ist romantisch naiv! Und deshalb fährt die Fanszene Frankfurt hin. Denn unser Ideal heißt Eintracht Frankfurt. Und dieses Ideal wird am 21. Januar im Leipziger Zentralstadion unterstützt. Dabei werden Emotionen verspürt, die der geneigte RB-Anhänger nie in seinem verschissenen Leben verspüren wird. Weil ihm ein vergleichbares Ideal fehlt. Das Ideal Eintracht Frankfurt lässt einen aber natürlich nicht kritiklos durch die Welt spazieren. Selbstverständlich finden wir Red Bull scheiße. Und so sehr es sich auch erst einmal um eine weitere Ausgeburt des modernen Fußballs handelt, steht RB schon auf einer eigenen Stufe. Denn auf der einen Seite haben wir die seit vielen Jahren existierenden Vereine - mit über Generationen gewachsenen Strukturen, mit vielfältigen und kreativen Fanszenen und mit einem Vereinsleben, welches insbesondere bei den mit enormer Integrationskraft ausgestatteten Fußballvereinen eine ganz besondere soziale und gesellschaftliche Funktion erfüllt. Und natürlich gieren auch deren Vorstände nach Gewinnmaximierung. So, wie es die Welt, in der sich die Profisportvereine bewegen, nun einmal leider erfordert. Ob man das nun mag oder nicht.

Aber im Gegensatz zu RB gibt es bei den Traditionsvereinen eine Vereinsstruktur, die auf eine lange Tradition zurückblickt, die immer ein wachsames Auge auf aktuelle Entwicklungen hat und notwendige Kämpfe führt - im Kampf gegen die 50+1-Regel oder sonstige Angriffe auf die Grundlagen einer lebendigen Fankultur.

RB aber wurde einzig aus dem einen Grund - der Gewinnmaximierung - ins Leben gerufen. Es hat die allherrlichen deutschen Fußballinstanzen in persona von DFB und DFL vorgeführt, indem die Winkeladvokaten von Red Bull (Milliardenkonzern) die richtigen Hebel gefunden haben. Zur Erlangung der Lizenz gab es Auflagen wie die Steigerung der Mitgliederzahlen oder die Entfremdung des Vereinslogos vom Red Bull-Logo. Die Nachhaltung der Auflagen ist ein Witz. Denn Red Bull hat alle Versuche im Keim erstickt, die Entwicklung eines breit angelegten Vereinslebens zu ermöglichen. Hier kann man folglich gar nicht trennen zwischen den am Business aktiv mitmachenden Repräsentanten und den Idealisten, die den hohen Wert eines Vereins verkörpern. Im Fall von RB gibt es nur die eine Seite, weil diese Grundlage der ganzen Existenz ist. So ist es in Salzburg, so ist es in New York, so ist es in Leipzig. So wird es überall sein, wo sich RB einnistet. Das gleiche Phänomen liegt beim Vereinslogo vor. Trotz langem hin und her und der eindeutigen Auflage unterscheidet sich das Vereinslogo kaum von dem allseits bekannten Red Bull-Logo.

Jeder kann sich sicher sein, dass die Fanszene Frankfurt nicht mit Kritik an Red Bull und seinen Bestrebungen, im Fußball Fuß zu fassen, sparen wird. Gerade weil wir wissen, dass es in Leipzig auch noch echten Fußball gibt. Und Red Bull kann sich sicher sein, dass es niemals als einer von vielen „normalen“ Gegnern akzeptiert wird. All das wird am 21. Januar im Zentralstadion zum Ausdruck gebracht.

 

Der Nordwestkurve-Rat